Migradonna
 

"Ich bin eine Weitgereiste"



«Wir sind alle Menschen», sagt Elena Gubenko.
Unterschiedliche Kulturen sind für sie selbstverständlich.
Foto: WAZ, M. Möller
Gelsenkirchen, 18.03.2008,
Von Tina Bucek

Elena Gubenko wanderte im Jahr 1993 aus der ehemaligen Sowjetunion nach Deutschland ein.
Drüben hatte sie mit Antisemitismus zu kämpfen. Und auch hier ist es als Jüdin nicht immer einfach.

Sie gehört zu den Menschen, die man nicht besucht, sondern von denen man empfangen wird. Wer ihre Wohnung betritt, tritt mehr zurück als ein. Denn sie ist es, die die Räume füllt. Und auch wenn es sich in diesem Fall mitnichten um eine Künstlervilla, sondern um das Hausmeisterdomizil im Hinterhof des Bildungszentrums handelt: Sie mit Kultur auflädt und mit einem ganz eigenen Geschmack.

Elena Gubenko lebt seit 1993 in Gelsenkirchen. Sie ist aus der ehemaligen Sowjetunuion ausgewandert, dem Teil, der heute auf seine Eigenständigkeit als Ukraine besteht. "Ich bin gegangen, weil ich keine Angst mehr haben wollte" sagt die Frau mit dem dicken Pferdeschwanz und den wachen Augen. "Die Spitzelei, dieses Beäugt-Werden. Man denkt immer, es sieht dich jemand, es hört dich jemand. . . Die Angst sitzt im Blut." Angst vor Vorbehalten, die die sozialistischen Machthaber gegenüber Juden aussprachen und aus denen Erniedrigungen für die Betroffenen folgten. Aber auch Angst vor der Gesinnungspolizei. "Wir waren eine Gruppe von Intellektuellen und Künstlern, die gegen die diktatorischen Verhältnisse in der Sowjetunion opponierten. Das hatte zunächst nichts mit der Tatsache zu tun, dass wir Juden waren. Wir waren ständiger Beobachtung ausgesetzt, weil wir als politische Kritiker galten."

Elena Gubenko studierte Architektur und arbeitete zudem als Kunstlehrerin. Sie forschte über alternative Pädagogik und gründete Jugendgruppen und Malklassen für Kinder. "Als wir hierher kamen, hatten wir erstmal gar nichts. Mein Diplom als Architektin wurde nicht anerkannt, und auch das Ingenieursdiplom meines Mannes war nichts wert." Wie alt sie da war - die Frau, die so viel Energie abgibt, möchte das lieber nicht über sich sagen. "Ich kann Ihnen sagen, wie alt meine Kinder heute sind. 30 und 22."

Die Kinder, ja, die waren natürlich an ihrer Seite, als die Familie kurz nach dem Fall des eisernen Vorhangs in Gelsenkirchen aufschlug. Die Kinder sollten es hier besser haben, ihren Geist und auch die Begabungen frei entfalten können. "Wir haben im Sozialismus eine wunderbare Bildung genossen. Sehr intensiv, vor allem mit einem Schwerpunkt auf Kunst und Kultur", sagt Elena Gubenko. Nur wirklich frei - das konnte man eben dort nicht sein.
Ihre Kinder jedenfalls studieren heute, Kunstgeschichte und Theater. Möglich ist das, weil sich die Gubenkos sehr schnell aufgerappelt haben in der neuen Welt. "Wir lebten von Sozialhilfe, aber ich habe sofort angefangen, Menschen zu suchen." Die fand sie, die Menschensucherin, etwa in dem Künstler Rolf Glasmeier, der der resoluten Frau ebenso wie anderen Einwanderern das Arbeiten in seinem Atelier eröffnete, Pläne für Malkurse mit ihr schmiedete, der Familie beim täglichen Zurechtkommen half.

Heute ist Elena Gubenko als Künstlerin und Kunstlehrerin in verschiedenen städtischen Institutionen längst eine feste Größe. Als Jüdin findet sie es in diesem Land mit seiner speziellen Vergangenheit oft nicht einfach. Das Thema jüdisches Leben in Deutschland könne immer noch nicht ohne Scheuklappen diskutiert werden. Wieder fällt das Wort "frei". Und der Satz, dass man hier eben immer zuerst Jüdin sei. Aber an dieser Stelle, sagt die Frau, die sonst eigentlich nicht scheu wirkt, halte sie sich lieber zurück. "Ich will den Menschen zeigen, dass wir zusammenleben können. Alle, die wir anders sind."

Migradonna

Integration findet nicht nur auf dem Papier statt. Sie wird da lebendig, wo Menschen Brücken bauen. Oft sind es es Frauen, die hinter den Kulissen dazu beitragen, dass Vorurteile abgebaut und Verständnis für unterschiedliche Kulturen aufgebaut werden. In unserer Serie «Frauen, die verbinden» stellen wir in loser Folge eben diese Migradonnen vor, die oft selbst einen Migrationshintergund mitbringen und nicht gerne im Rampenlicht stehen. Elena Gubenko wurde am 8. März mit dem Preis «Migradonna» für ihr Engagement ausgezeichnet.


Elena Gubenko


Begründung:

Für welches besondere Engagement soll die Frau ausgezeichnet werden?

Elena Gubenko ist seit 1993 (Anreise nach Deutschland, Gelsenkirchen, aus der Ukraine, ehem. UdSSR) in verschiedenen Bereichen ehrenamtlich außerordentlich aktiv:
Kultur, Kunst (bzw. Kultur- und Kunstvermittlung unter Migranten und Einheimischen), Aufklärungsarbeit / kulturelle Bildung, Integrationsarbeit, Kinder- und Jugendarbeit, Arbeit mit Frauen / Frauenbewegung, bürgerliches Engagement, Zivilcourage, soziale Betreuung von Migranten – alles interkulturell bzw. interreligiös. Brücken zwischen Menschen und Kulturen zu bauen – das ist der Schwerpunkt ihrer Arbeit, der geografische Bereich – Gelsenkirchen, Region, landes-, bundes- und weltweit.

Zum aktiven Leben und bürgerlichen Engagement zieht Elena Gubenko ihre Landsleute und andere Mitbürger immer an. Zusammen mit der von ihr organisierten Gruppe gründete sie 2000 den eingetragenen Verein KINOR und leitet ihn bis jetzt. KINOR ist bereits ein unentbehrlicher Teil der kulturellen, sozialen und politischen Infrastruktur der Stadt und Region geworden. KINOR ist der Preisträger 2006 im bundesweiten Wettbewerb „Aktiv für Demokratie und Toleranz“.

Elena Gubenko nahm aktiv und ständig am Entstehen des Integrationskonzeptes Gelsenkirchen teil - persönlich und zog andere KINOR- Mitglieder dazu an. KINOR gehört zu den Gründungsmitgliedern der GEMI (Gelsenkirchen – Migranteninitiative). KINOR ist Mitglied in der «Demokratische Initiative gegen Diskriminierung und Gewalt, für Menschenrechte und Demokratie – Gelsenkirchen», im Elternnetzwerk NRW. Integration miteinander; im Verein Weltkongress russischsprachiger Juden e. V.
Elena Gubenko als Vertreterin des KINOR ist Mitglied in dem Verein kultur leben – Verein zur Förderung der Freien Kultur in Gelsenkirchen e. V., im Frauencafe Lalok libre, seit 1993 in der Organisation djo- Deutsche Jugend in Europa, gehört zum bundesweiten Frauenforum für Migrantinnen und Women of Colour unter der Leitung von agisra e.V.
usw.

Unter der Leitung von E.Gubenko nimmt KINOR an Stadtfesten und Aktionen teil, veranstaltet selbst viele Kinderstraßenfeste, Kulturabende, Vorträge, Kunstausstellungen, Jugendaktionen usw. Durch zahlreiche Kontakte von E.Gubenko (z. B. langjährige Zusammenarbeit mit der Gesamtschule Berger Feld, mit dem Kinderschutzbund u.a.) finden viele Sozialhilfeempfängern und Arbeitslosen für sich Arbeitsstellen. E.Gubenko schreibt Artikel für die russischen Medien in Deutschland, sie informiert ständig einen breiten Kreis von Migranten über das Geschehen und Ereignisse im kulturellen, sozialen und politischen Leben der Stadt und Region.


Hier sind einige Beispiele der wichtigen Projekte und Aktivitäten:

- Schülerclub im Lalok libre, Projekt von „SJD –Die Falken“ und KINOR für Kinder aus internationalen Klassen von der Hauptschule Grillostrasse mit dem Schwerpunkt "Integration für Kinder ausländischer Herkunft in die deutsche Gesellschaft"

- Das internationale Seminar in Israel

-Teilnahme an der Reihe klezmerwelten, u. a. Workshop für Jugendliche "Klezmermusik & Jiddisch - Was st das?"

- Brücken – der Kulturverein KINOR lädt ein im Сопsоl Тhеаtег- interkulturelle Veranstaltungen mit verschiedenen Themen und Gästen aus ganz NRW

- Zusammen mit christlichen und muslimischen Teilnehmerinnen arbeitet sie seit 2005 als Vertreterin jüdischer Frauen am Projekt Sarah-Hagar NRW/Ruhrgebiet –Projekt für Frauen von den drei Religionen. Das Projekt Sarah-Hagar im Ruhrgebiet zielt darauf, die Bereiche Religion, Politik und Gender miteinander zu verknüpfen.

- Integrationsarbeit mit russischsprachigen Frauen: Integrationskurse, Aufklärungsarbeit / kulturelle Bildung; sie zieht russischsprachige Frauen zur Teilnahme am Frauenbewegung, am Internationalen Tag 8. März, am Frauentheater Frauenpuzzle usw.

- Seit 2005 Teilnahme der interkulturellen Jugendgruppe vom KINOR am Jugendprojekt Heavy Music - Cool Love vom Musiktheater im Revier (MiR) - Ballett Schindowski tanzt für und mit Jugendlichen, Musiktheater im Revier (MiR)

- Die erste Elternschule in russischer Sprache in Gelsenkirchen (VHS) unter der Leitung vom Referat Kinder, Jugend und Familie

- Kulturhauptstadt Ruhr 2010 - Gubenko gehört zur Initiativgruppe der freien Kulturszene in Gelsenkirchen für die Entwicklung von Projekten im Rahmen des Programms Kulturhauptstadt Ruhr 2010. Der Verein KINOR hat eigene Anträge für interkulturelle Projekte beim Kulturhauptstadt-Büro gestellt.
- Teilnahme im Film Glückauf, Kollega. Dokumentarfilm über Migration in Gelsenkirchen


Jüdische Einwanderung heute? Ein Reizwort

Mythen und Realität, Probleme und Perspektiven

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Vortrag mit nachfolgender Diskussion

Referentin: Dr. Irene Runge,
Soziologin, Journalistin, Autorin, Vorsitzende des Jüdischen Kulturvereins Berlin e.V.

Moderation: Antje Röckemann, Pfarrerin, GenderReferat im Evangelischen Kirchenkreis Gelsenkirchen und Wattenscheid

Wo? Bildungszentrum, Ebertstr. 19, 45 879 Gelsenkirchen

Wann? Sonntag, 23. November 2008
Einnlass: 16:30 Uhr, Beginn: 17:00 Uhr
Eintritt frei

Veranstalter: Jüdischer Kulturverein KINOR e. V.
In Zusammenarbeit mit dem Referat Kultur und dem Integrationsbeauftragten Gelsenkirchen

Dr. Irene Runge, 1942 in New York als Kind deutsch-jüdischer sozialistischer Emigranten geboren.1949 Übersiedlung der Familie in die SBZ/DDR. Ab 1970 Studium der Ökonomie und Soziologie an der Humboldt Universität, Promotion, wissenschaftlich und publizistisch vor allem zu Themen wie Altern, Alltag, jüdisches Leben und Migration tätig, mehrere Buchveröffentlichungen. 1989/90 Mitbegründerin, später 1. Vorsitzende des Jüdischen Kulturvereins Berlin e.V. (JKV)

Im zweiten Teil der Veranstaltung findet eine offene Diskussion statt mit der Teilnahme der Juden aus verschiedenen Städten, die über die Situation in der jüdischen Gemeinschaft Deutschlands aus ihrer Sicht berichten und ihre Visionen der Zukunft vorstellen. Die Anwesenden bekommen eine einzigartige Gelegenheit, die wahre Stimme der jüdischen Öffentlichkeit hören zu können, und zwar für das deutsche Publikum bis jetzt unbekannte Fragestellungen und Wahrnehmungen der Realität, die Stereotypen und Klischees über Juden und das jüdische Leben in Deutschland brechen.
Die Veranstaltung hat das Ziel, die deutsche Gesellschaft auf reale aktuelle Probleme aufmerksam zu machen, die mit dem Aufbau des jüdischen Lebens in Deutschland verbunden sind. Zum Abend werden deutsche, jüdische und russische Medien eingeladen.




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