Migradonna
 

"Sprache ist der Schlüssel"



Foto: (Cornelia Fischer)
Venetia Harontzas im Interview
Gelsenkirchen, 15.02.2008

Venetia Harontzas setzt sich seit 15 Jahren für Migranten in Gelsenkirchen ein. Die Diskussion um türkische Schulen in Deutschland findet sie scheinheilig, den Abbau von Unterricht in der Muttersprache fahrlässig

DAS INTERVIEW
Venetia Harontzas engagiert sich an vielen Stellen in der Stadt: im Internationalen Frauencafé und im Arbeitskreis für Migrantinnen etwa. Mit ihr sprach WAZ-Redakteurin Tina Bucek.

Frau Harontzas, Sie haben gerade einen neuen Preis ausgelobt für Frauen, die sich für Migration einsetzen. Was hat es damit auf sich?

Harontzas: Das ist eine lange Geschichte. Ursprünglich wollten wir einen Film drehen über Migrantinnen in der zweiten Reihe. Frauen, die schon jahrzehntelang im Stillen dazu beitragen, dass Einwanderer sich hier einleben und mit der einheimischen Bevölkerung klar kommen. Das war aber wohl etwas zu aufwändig, und so haben wir uns überlegt: Was könnte man denn noch machen, um mal denen zu huldigen, die sonst in der Diskussion gar nicht vorkommen. Und dann sind wir darauf gekommen, den Wettbewerb "Migradonna" auszuarbeiten.

Wer ist bei "Migradonna" angesprochen?

Harontzas: Wir suchen ganz gezielt Frauen in der zweiten Reihe. Die in ausländischen Vereinen Nachhilfeunterricht geben, die in Kindergruppen das Essen kochen, die sich in ausländischen Sportvereinen engagieren und und und. Frauen, die selbst nicht von sich reden machen, die aber unersetzbar sind bei der Frage, ob Integration funktioniert oder nicht.

Funktioniert Integration denn in Gelsenkirchen?

Harontzas: Ja und nein. Wir haben hier etwa 53 ausländische Vereine, von denen arbeiten über die Hälfte engagiert, obwohl sie finanziell ums Überleben kämpfen. Auch die Vernetzung untereinander funktioniert. Was manchmal nicht so gut klappt, ist die Zusammenarbeit mit der Politik. Ich denke, das liegt daran, weil viele Vertreter in den offiziellen Gremien die Rückbindung zur Basis verloren haben. Die ist aber ganz wichtig, um zu verstehen, was überhaupt notwendige Maßnahmen sind.

Was sind Ihrer Ansicht nach notwendige Maßnahmen?

Harontzas: Zum Beispiel die Förderung von muttersprachlichem Unterricht. Wie soll ein Kind oder Jugendlicher eine für ihn fremde Sprache wie Deutsch vernünftig lernen, wenn er in seiner eigenen Sprache nicht zurecht kommt? Der muttersprachliche Unterricht wird aber immer weiter abgebaut. Wir Griechen bekommen schon lange keine Unterstützung mehr vom Land, wir haben es mit viel Glück geschafft, dass uns das griechische Konsulat mit einem Lehrer unterstützt. Der spricht aber kein Deutsch, und obwohl er sein Bestes gibt: Eine Lösung kann das auch nicht sein.

Der türkische Ministerpräsident fordert türkische Schulen in Deutschland . . .

Harontzas: Ja, und darüber regen sich jetzt alle auf. Aber ehrlich gesagt finde ich das ziemlich scheinheilig. Gehen Sie doch mal ins Ausland, nach Afrika, Südamerika, wohin immer. Fast in jedem Land gibt es deutsche Schulen, schon allein für die Kinder der deutschen Diplomaten. Davon redet aber niemand. Ich denke, es ist unabdingbar, dass man den jungen Migranten hier die Möglichkeit gibt, ihre Muttersprache zu lernen und zu pflegen. Dann werden sie auch das Deutsche gut und gerne lernen und sprechen.

Quelle: http://www.derwesten.de/nachrichten/staedte/gelsenkirchen/2008/2/15/news-23888513/detail.html



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